15/01/2015
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Alles, was mit meinem Leben in Düsseldorf zu tun hat, ist weit fort. Weiter fort als sieben Jahre. Ich versuche, ein Formular auszufüllen, das Fakten von damals abfragt. Mir fällt der Name der Psychiaterin einfach nicht mehr ein, und als ich Google Maps öffne, um mich auf diese Weise vielleicht an ihre Adresse zu erinnern, finde ich mich überhaupt nicht zurecht. Ich habe jegliches Gespür für die Stadt verloren, weiß nicht einmal mehr, in welcher Himmelsrichtung ich gewohnt habe und welchen Weg ich nahm, um zur Praxis zu gelangen. Ich erinnere mich noch, dass die Psychiaterin einen komplizierten Namen hatte – und dass sie ihren Job nicht gut machte. Ich war nur schon längst nicht mehr in der Lage gewesen, mir eine andere Ärztin zu suchen.

Nach einer Viertelstunde erscheint der Name in Zeitlupe. Ich schüttele den Kopf, weil mir die Erinnerungs- und Gefühlsfetzen völlig absurd vorkommen. Als habe ich nie in Düsseldorf gelebt, als sei es eine anderen Person gewesen mit jenem schrecklichen Alltag, mit diesem anstrengenden Kummer.

Mir geht es heute gut im Vergleich zu damals. Es ist so vieles anders. Ich habe mich dennoch dafür entschieden, wieder eine objektive Person an meiner Seite zu haben; zumindest für die nächsten 25 Wochen. Denn das, was ist, so wie ich bin, genügt mir nicht.




14/01/2015
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Meine Gefährt_innen.




13/01/2015
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“Ich war heute beim Friseur” sagte meine Mutter gestern Abend am Telefon. “In Schönheit sterben, haha.”

Meine Mutter hat ein Aneurysma. Es ist klein und es kann theoretisch schon sehr lange dort sein. Heute ist eine Untersuchung angesetzt. Sie bekommt ein Kontrastmittel gespritzt und in der Leiste wird eine Sonde eingeführt, die bis in den Kopf hinein reicht, wo sich das Aneurysma befindet.
Seit es zufällig bei einer Computertomographie entdeckt wurde, habe ich noch mehr Angst, sie womöglich bald zu verlieren. Wir sprechen schon länger ab und an über Erbschaftsangelegenheiten und ihre Patienteninnenverfügung. All jene Dinge, über die ich nicht einmal nachdenken möchte, weil sie von einer Prämisse ausgehen, mit der ich nicht umgehen kann. Ich weiß nicht, was ich mache, wenn sie stirbt. Durchdrehen vielleicht.

Die Untersuchung findet irgendwann heute im Laufe des Tages unter Vollnarkose statt. Meine Mutter soll schon morgens da sein und wir vereinbaren, dass sie sich sofort meldet, wenn alles vorüber ist.
Was, wenn sie noch mehr finden? Was, wenn das Aneurysma versehentlich zerstört wird. Was, wenn bei der Narkose etwas schiefgeht?

Sie meldet sich nicht und ich bin sehr nervös.

Gegen 14 Uhr rufe ich ihren Freund an, der mir mitteilt, dass die Untersuchung gar nicht wie geplant heute stattfindet. Meine Mutter müsse deshalb zwei Nächte im Krankenhaus bleiben.
Dass es sich gar nicht um einen ambulanten Eingriff handelt, erfahre ich erst jetzt. Vielleicht hat sie vergessen, es mir zu sagen. Wahrscheinlicher ist, dass sie es absichtlich verschwiegen hat. So wie im letzten Sommer die OP der zertrümmerten Kniescheibe, von der ich erst Tage später erfuhr. So wie es ihr zweiter Mann damals tat, als er uns beiden sagte, seine Operation sei nicht so schlimm wie sie sich anhöre. Er lag im Anschluss daran zwei Wochen im Koma; ich stand am Bett, als die Geräte abgeschaltet wurden. Vollnarkosen und Eingriffe machen mir seither große Angst.

Wieso meldet sie sich denn nicht bei mir, und gibt Entwarnung? Ich bin viel zuverlässiger, was solche Dinge anbelangt: Nach jedem Flug schalte ich noch auf dem Rollfeld, noch vor dem Parken, das Telefon wieder an und schicke ihr eine Nachricht, dass ich sicher gelandet bin.

Erst am Nachmittag erhalte ich von ihr eine kurze Mitteilung, dass die Untersuchung auf morgen verschoben wurde. Dann werde ich wieder den ganzen Tag warten. Ich bin zu jung für diesen Scheiß.