31/12/2013
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Für das nächste Jahr habe ich mir ein Moleskine Daily Diary gekauft, in dem ich jeden Tag die schönen Dinge notieren werde.




26/12/2013
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Heute die Nachricht, dass meine Tante im Sterben liegt.

Später sagt die Oma am Telefon, sie wolle nicht mehr leben.
“Warte mit dem Gehen, bis wir uns im März noch einmal gesehen haben.” bitte ich sie.
“Ja, Maike. Ich warte auf dich, ich will dich auch noch einmal sehen. So schnell stirbt man nicht.”




28/10/2013
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Fast jedes Mal, wenn ich dort bin, wird am Samstagabend eine von Florian Silbereisen moderierte Sendung im Fernsehen gezeigt. Meine Mutter, die damals mit mir wach blieb, um eine David-Bowie-Dokumentation oder wenigstens Peters-Pop-Show anzusehen, hört mittlerweile nur noch Klassik- oder Schlagerradio. Wobei sie letzteres mit dem Alter entschuldigt und mir eine ähnliche Zukunft prognostiziert, die ich aufgrund meines ausgeprägten Hangs zu Popkultur und -musik vehement abstreite.
Doch selbst meine bereits eingeknickte Mutter hat eine Grenze. Sie verläuft zwischen ihr und Florian Silbereisen und der Musik, die er präsentiert. Deshalb geht sie, wenn ihr Freund eine dieser Sendungen schaut, die meist eine Jahreszeit als Motto haben, entweder in ein anderes Zimmer, wo ein weiterer Fernseher steht, oder sie sitzt lesend dennoch auf dem Sofa und hört nicht so genau hin.

Weil ich sehr erkältet bin, möchte ich nicht alleine im Gästebett liegen und sitze nun ebenfalls lesend im Wohnzimmer. Als Andrea Berg auftritt, bin ich trotz meines Vorsatzes, keine Kritik an der Sendung zu äußern, nicht mehr zu halten. Meine Grenze hinter der eigentlichen Grenze verläuft offenbar vor dieser Sängerin, deren Erfolg sich mir nicht erschließt. Gerade steht sie in einer nachgebauten Unterwasserwelt zwischen wogenden Quallen- und Algenimitaten und besingt die Liebe und Atlantis.
“Es ist unglaublich” pflichtet mir meine Mutter bei. “Fast alle Männer, die ich kenne, finden Andrea Berg gut. Die gibt sich ja auch immer so verrucht!” Sie zählt die begeisterten Partner einiger Freundinnen auf. “Ja, da hat sie recht!” sagt ihr Freund. “Die ist doch auch super! Und so natürlich. Außerdem hat sie ein gutes Familienleben und seit zehn Jahren eine intakte Beziehung!”

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“Ein weibliches, mehr oder weniger lyrisches Ich, das seine Ansprüche an ein männliches, ganz und gar nicht lyrisches Du formuliert. Dieses männliche Gegenüber tendiert offensichtlich zur Untreue, nicht selten aber auch zu schlichter Langeweile. Es scheint sich weder sexuell noch sozial um einen Traummann zu handeln, und doch will sich dieses weibliche Ich ihm unterwerfen, ihn behalten, ihn sich immer wieder schön und stark träumen. Und kann auch nicht recht von ihm lassen, wenn sie geht. In den scheinbar so nebulösen und von pathetisch-sentimentalen Metaphern wimmelnden Texten von Andrea Berg hebt sich der Widerspruch von Begehren und Enttäuschung immer nur in einer Geste auf: im Träumen. (…)

Es gibt kein Lied, das von etwas anderem handeln würde als von diesem Ich und diesem Du, das aus allen emotionalen und kognitiven Katastrophen rekonstruiert wird. Sowenig in dieser Performance angesprochen wird, dass es eine Welt außerhalb der Paar-Fixierung geben könnte, so wenig kommt in der Andrea-Berg-Welt die Ahnung vor, eine Frau könne auch ohne den Mann zurechtkommen. Man könnte Andrea Berg wohl mit guten Gründen ein radikales antifeministisches Projekt nennen.”

Georg Seeßlen, der Freitag Ausgabe Nr. 34/2013