21/04/2013
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Während der Flur meiner Wohnung zur Schleuse wird, in der wir letzte Dinge austauschen – ich bekomme meinen Zweitschlüssel und ein Buch wieder, er seine Schallplatten, Bücher und ein paar DVDs – fahre ich mit der M4 zum Alexanderplatz. Am Volkspark steigt eine Frau mit Koffer ein, die von ihrer Freundin verabschiedet wird. Es ist eine jener Szenen, denen immer viel Liebe und ein wenig Traurigkeit innewohnen. Bevor die Tür sich schließt, werden letzte Worte der Zuneigung gesprochen, danach setzen die Frauen ihre Kommunikation mit Handzeichen fort. In welche Richtung die Eine draußen nun nach Hause gehe, will die Andere drinnen wissen. Es dauert, bis die Frage verstanden wird und ich finde, dass sie doch eigentlich nicht so wichtig ist, bis mir klar wird, dass die Abreisende so noch ein paar Minuten lang weiß, was ihre Berliner Freundin gerade macht, obwohl die Straßenbahn sich längst wieder in Bewegung gesetzt hat. Ich denke an die Freundschaft, die in meiner Wohnung gerade ihr Finale hat. The artist is not present.

Später liege ich im elften Stock, ganz in der Nähe der Coca-Cola-Leuchtreklame, unter der vertrauten blauen Decke, die mich immer an ein liebes Monster der Muppets erinnert, und ich finde meinen neuen Ort, an dem ich sicher bin: Ich auf einer Wiese im Frühlingswind, reiße die Arme in die Höhe und meine Haare flattern umher. Zum ersten Mal seit Wochen bin ich frei von Sorgen. Anschließend breite ich ein Tuch inmitten der Wiese aus, liege auf einem von Blumen umzingelten Quadrat in Sicherheit, der Wind weht weiter und die Sonne scheint von oben. Ab und an bewegen sich meine Hände durch das Gras, eine Biene summt. Dial a cliché.

Als ich später das Schlüsselband aus meinem Briefkasten nehme, die Wohnung betrete und sehe, dass die Schallplatten tatsächlich fort sind, tut es wider Erwarten nicht weh. Ich liege ohnehin immer noch im Gras.

Genau so mache ich weiter.




05/04/2013
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Ich liege noch im Bett, obwohl es schon nach elf Uhr ist. Unten im Hof beginnt jemand mit Sägearbeiten. Ob sie womöglich den einzigen, aber dafür riesigen Baum in der Mitte des sonst eher hässlichen Areals entfernen? Doch wo sollte dieser überhaupt hinfallen, wenn er tatsächlich einfach so abgesägt würde? Ach soll er doch ins Quergebäude stürzen, ich bleibe liegen.
Erst als es in meinem Zimmer trotz der geschlossenen Fenster bereits nach dem Benzin der Motorsäge stinkt, stehe ich auf und blicke hinab in den Hof. Ich komme mir vor wie meine Mutter seinerzeit, so gut versteckt hinter den hellen Vorhängen.
Ich sehe den Mieter aus der Wohnung unter mir. Er gibt einem Mann gestikulierend Anweisungen, während dieser von einem Stück Baumstamm von etwa eineinhalb Meter Durchmesser eine Scheibe abschneidet. Beide tragen Kopfhörer, um sich vor dem Lärm zu schützen. Der ganze Hof ist voller Sägespäne, die in den noch verbliebenen Schnee geweht wurden. Wozu wird wohl jene Scheibe gebraucht? Kunst? Bloß nicht! Ich verliere die Lust, weiter darüber nachzudenken und schaue auf die Uhr: Mittag. Aus einem Fenster ruft jemand empört ‘Ruhe!’. Es ist kurz so, als sei ich nie aus der kleinen Stadt in Südwestdeutschland weggezogen. Womöglich hängt unten im Hauseingang demnächst ein Winterplan fürs Schneeschaufeln und einer, der das ganze Jahr über gilt und über dem in Versalien K E H R W O C H E steht.

Dies wird das Jahr mit den höchsten Heizkosten werden. Weil es immer noch so kalt ist und weil ich seit drei Monaten auch tagsüber die meiste Zeit zuhause bin. Alle verlassen ihre Wohnungen, ich bleibe da und passe auf. Vom Bett aus oder wenn ich am Küchentisch sitze und durch die Lücke in der Häuserschlucht bis hinüber auf die andere Seite der Straße gucke. Ich sehe dann, ob der Schnee immer noch auf dem Gehweg liegt, ob Autos über nassen Asphalt rollen und dabei leise Schlürfgeräusche machen, die ich bereits hören kann, wenn ich noch mit geschlossenen Augen im Bett liege. Vielleicht hören der Winter und das Warten nie mehr auf.




11/03/2013
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“Und ein Gefühl von Heimat kommt bei ihr nur auf, wenn sie mit gleich gesinnten Menschen zusammen sein kann, wenn sie frei reden kann und verstanden wird.”
Alois Prinz, Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt

Wie immer an Mamas Geburtstag jährt sich dein Tod und nach wie vor denke ich bei den schönen Dingen, die mir widerfahren, wie schade es ist, dass du nicht mehr erleben kannst, wie sie mich mit Freude erfüllen. Deinen Spiegel habe ich letztes Jahr verliehen und er ist vor der Rückgabe und ohne mein Zutun in Scherben zerfallen. Ich habe immer an dich gedacht, wenn ich hinein schaute, habe versucht, mich mit deinen Augen zu sehen, die viel milder mit mir umgingen als ich es je vermochte.

Heute habe ich mir ein paar Gläser mitgebracht, die du seinerzeit in Mamas Schrank stelltest und die mich an dich erinnern werden, wann immer ich aus ihnen trinke. Die kleine schwarze Katze hat in meiner Abwesenheit wieder einmal die Schleife des Grabstraußes vom Schrank gerissen. In Liebe steht darauf in goldenen Buchstaben geschrieben und das gilt immer noch.