06/01/2020
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In der Ringbahn sitze ich gegenüber von einem Mann, der mir irgendwann einen Zettel hinstreckt, auf dem ‘Messe Nord’ steht, der Name einer Haltestelle. Ob er hier richtig sei, möchte er wissen, und ich nicke freundlich.

Er ist nervös. An jedem Bahnhof vergewissert er sich hektisch, ob er wirklich noch nicht aussteigen muss, und während der Fahrt holt er immer wieder angespannt sein Mobiltelefon hervor, um nachzusehen, wo wir uns gerade befinden. Ich kenne das Gefühl und jede dieser Bewegungen. Hauptsächlich während Busfahrten in Japan auf dem Land und in kleinen Orten, wo weder Anzeigetafeln, noch Lautsprecherdurchsagen englische Erklärungen anbieten, saß ich schon so da und verfolgte unruhig den blauen Punkt auf Google Maps, der meine Fortbewegung abbildete. Bei jeder vermeintlich falschen Wendung schoss mir kurz das Blut in den Kopf und mein Puls beschleunigte sich. Ich hatte Angst, ohne Aussicht auf ein Fortkommen im Nirgendwo zu landen.

Ich schaue ungefragt nach, wie viele Haltestellen es noch sind bis Messe Nord, nenne dem Mann die Anzahl und er bedankt sich. Zwischendurch vergewissert er sich noch einige Male bei mir, ob er wirklich noch nicht da sei. Kurz bevor er endlich aufstehen muss, fragt er mich nach meinem Namen und ich lasse mich überrumpelt zu einer ehrlichen Antwort hinreißen, frage ihn sogar höflich zurück, wie er heißt. Er erzählt mir, dass er aus Hamburg kommt und sich deshalb hier nicht auskennt. Ich lächele höflich. Dann möchte er wissen, ob ich hier in Berlin mit meiner Familie lebe, und als ich lüge und nicke, fragt er, ob ich verheiratet sei. Ich nicke erneut, weiß gar nicht, warum ich immer noch fröhlich lache, und verstecke schnell meine Hände, an denen sich kein Ring befindet. Wieder einmal habe ich einen Ehemann erfunden, um meine Ruhe zu haben – weil es am einfachsten ist, weil meine Selbstbestimmtheit und die Wahrheit weniger wert sind, als der ‚Besitz‘ eines Anderen zu sein. Noch bevor der Mann aussteigt, habe ich seinen Namen wieder vergessen.

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