04/01/2020
..

Ein junger Mann steht vor einem der Eingänge am Bahnhof Friedrichstraße, singt ‘The Blower’s Daughter’ und begleitet sich dabei auf der E-Gitarre. Seine Stimme ist nicht schlecht, Mikrofon und Verstärker hingegen schon. Sie legen eine Schicht aus knarzenden Störgeräuschen und Künstlichkeit zwischen ihn und sein Publikum. Ich bleibe dennoch kurz stehen, weil ich das Lied schon sehr lange nicht mehr gehört habe, es sogar vergessen hatte – obwohl es zu jenen gehört, deren Schönheit mir weh tut.

Während der Fahrt zum Nordbahnhof überlege ich, wie der Titel lautet und schelte mich, dass er mir überhaupt entfallen ist. Ich möchte auf der Stelle den angenehmen Schmerz verstärken, der bereits da ist dank des unaufhörlichen ‘I can’t take my eyes off you’ in meinem Kopf. Bevor ich aussteige, fällt er mir wieder ein, und ich bin froh, dass die Anschluss-Tram erst in ein paar Minuten kommt. Zum Warten setze ich mich, suche das Lied bei Spotify, nehme meine Kopfhörer, drücke Play und schließe die Augen. Dann bin ich nur noch das Stück; sanft, zerbrechlich, voller Liebe und gleichzeitig (fast) ohne Kitsch, ganz realistisch und klar, als hätte ich etwas Fremdem erlaubt, sich meiner Gefühle zu bedienen und sich so in mir auszubreiten, denn mit meinem Leben hat das gerade nichts zu tun.

Zuhause finde ich heraus, dass der Film ‘Closer’ mit dem Lied beginnt und endet. Basierend auf einem Theaterstück erzählt der Film von zwei Paaren, die sich (vermeintlich) lieben und dennoch ständig miteinander hintergehen und verletzen. Man sieht nur Clive Owen, Jude Law, Julia Roberts und Natalie Portman, sie sprechen viel über Gefühle und noch mehr übers Ficken – das Wort fällt ständig – und ich erinnere mich, dass es mir seinerzeit gefiel, wie derbe und offen die vier mit ihrer Liebe, ihren Schwächen und ihrem Begehren umgehen, und dass ich mich zu allen gleichermaßen hingezogen fühlte. Obwohl ich es schrecklich fand, mit welcher Brutalität und Härte sie sich gegenseitig weh tun und betrügen, war da aber auch eine traurige, klare Akzeptanz von meiner Seite. Daher also.

Jetzt schaue ich den Film noch einmal. Geblieben ist die körperliche Attraktion, doch die ist ja nicht mehr als ein aufregender Zeitvertreib. Mittlerweile verachte ich drei der vier Figuren und würde ihnen in meinem Leben nur noch wenig Raum geben, allenfalls für Sex. Eine simple und gleichzeitig große Erkenntnis, ausgelöst durch die Darbietung eines Straßenmusikers.

‘The Blower’s Daughter’ habe ich inzwischen viele Male am Stück gehört. Es fühlt sich anders an. And so it is.

Kommentieren