02/01/2020
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Dass die Ausstellung der Fotografin Helga Paris am Pariser Platz stattfindet, ist einerseits amüsant, andererseits anstrengend. Am Brandenburger Tor halte ich mich nur ungern auf – außer es ist sehr früh am Morgen oder spät in der Nacht. Bei normalem Betrieb ist das für mich womöglich jener Ort der Stadt, der sich am wenigstens nach Berlin anfühlt. Am Brandenburger Tor gibt es keinen Alltag, hier stehen Städtereisende und Geschichte herum.

Ich bin einmal am Morgen nach einer Loveparade mit dem Taxi durch das Tor gefahren, da war mir Berlin noch fremd und ich dank der Drogen vor allem geflasht. Und vor ein paar Jahren radelte ich an einem späten Sommerabend durch die Stadt, frischem Liebeskummer davon. Als ich verschwitzt am Pariser Platz eine Pause machte, fühlte ich, dass ich die Traurigkeit aushalten und überwinden konnte.

Bevor ich die Akademie der Künste betrete, schaue ich mir noch etwas Sonderbares an. Der Boden eines Mülleimers hat sich wie eine Klappe geöffnet, hängt hinab, und der ganze Inhalt ist aufs Pflaster gefallen, wo er nun einen kleinen Haufen bildet. Im Hintergrund das Brandenburger Tor und überall sind Menschen. Viele betrachten Platz und Gebäude, doch da sind auch jene, die zielstrebig ihren Abfall oben in den Mülleimer werfen und nicht einmal zur Kenntnis nehmen, dass er durch das Loch direkt auf den Haufen fällt.

Die Ausstellung ist mir zu voll, und ich bin etwas enttäuscht, weil leider viele belanglose Fotografien gezeigt werden, obwohl Helga Paris eigentlich genau das gemacht hat, was ich so mag: Menschen und Alltag abbilden. Doch seit ich damals auf der Berlinale den Film über Vivian Maier und im vergangenen Jahr endlich auch ihre Werke direkt vor mir gesehen habe, messe ich alle an ihr, die sich auch nur annähernd diesem Genre gewidmet haben.

Es gibt aber auch Bilder, die mich anziehen. Dann überlege ich, warum die porträtierte Person ausgerechnet jenes Kleidungsstück trug, ob es bequem oder unbequem war, wann sie sich zum letzten Mal das Haar wusch, oder was es gerade zu essen gab, ich frage mich, ob sie glücklich war oder verzweifelt, und was Minuten vor und nach der Aufnahme geschah.

“Ich habe Halle fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land – Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte, zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Rom fotografiert.” steht als Zitat der Künstlerin aus dem Jahr 1986 an einer Wand. Ihre Herangehensweise ähnelt jenem Blick, den ich seit ein paar Jahren immer wieder auf Berlin anwende, um nicht im Trott der Gewohnheit zu versinken. Meine Vergleichsstadt ist Tokio – meine dort veränderte Wahrnehmung kann ich hier am einfachsten abrufen.

Vor einem Bild stehend beobachte ich aus dem Augenwinkel, wie ein Mann neben mir zuerst mit der linken Hand in der Nase bohrt und sie dann senkt, um mit drei Fingern einen Popel zu formen. Seine andere Hand hält die eines Kindes, dem er etwas über Helga Paris erzählt. Irgendwann schnippt die linke Hand den Popel zu Boden und ich gehe schnell weiter, um das Ganze nicht versehentlich zu kommentieren. In Tokio wäre das nicht passiert.

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