01/01/2020
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Ich liege schon eine Weile im Bett. Gegen halb drei werden die draußen abgeschossenen Feuerwerksraketen und Knallkörper endlich weniger, doch eine Party irgendwo im Haus nimmt jetzt erst so richtig Fahrt auf. Sie wird mit jeder Stunde lauter, ich verstehe immer mehr Wortfetzen, erkenne Musikstücke, zucke bei geräuschvoll zugeschlagenen Türen zusammen und verbringe die erste Nacht des Jahres im Halbschlaf.

Am Nachmittag schaffe ich es endlich nach draußen. Jene Haufen aus verwaschen roten Knallteufel-Fetzen, die an vielen Straßenecken herumliegen, erinnern mich an Kirschblütenblätter, die im Frühjahr wegen der steigenden Temperaturen irgendwann fast schlagartig von den Bäumen fallen.

Aus dem Westen kommt mir ein kalter Wind entgegen. Ich setze meine Kapuze auf und zwinge mich trotz Müdigkeit, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Gefühl des Aufbruchs, das ich sonst an diesem Tag verspüre, bleibt aus, und obwohl ich am Vorabend keinen Alkohol getrunken habe, ist mein Geist benebelt.

An einer Betonmauer hält sich irgendein längst verdorrtes Rankgewächs stur mit seinen kleinen Saugnäpfen fest. Sogar ein paar braune und rote, völlig zerknitterte Blätter wollen einfach nicht loslassen. Ich fühle mich ertappt, doch gleichzeitig beruhigt mich der Anblick der schmalen knochigen Äste und ihren Windungen. Vielleicht morgen, denke ich, zwinge mich zu weiteren Schritten und überhole eine Frau mit einer großen blauen Tasche, auf der mit weißen Buchstaben BIG BLUE BAG steht. Es könnte alles so einfach sein.

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