17/03/2017
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Wir versuchen, zu dritt die Gruppenaufgabe zu bearbeiten, driften jedoch ab. Ein Kursteilnehmer behauptet, im Internet stehe so viel Mist. Wir versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass es auch eine Frage der Medienkompetenz ist, den Mist von den guten Inhalten zu unterscheiden. Er schaut mich jedoch besserwissend an, als spiele er einen wirklich großen Trumpf aus, und erzählt mir, dass Google ja aber schließlich zensiert sei, das müsse ich doch wissen.

Daraufhin erkläre ich ihm, wie meine Internetnutzung aussieht. Dass ich beim Googlen schon mal bis zur Seite 80 vordringe, weil ich etwas Bestimmtes suche, dass ich Google aber gar nicht unbedingt benötige, weil es andere Suchmaschinen gibt und ich vor allem Twitter nutze, wo ich vielen Aktivist:innen folge und dort sehr viele Zeitungsartikel und vor allem Blogbeiträge empfohlen bekomme. Dass ich auf Mailinglisten bin und im Internet quasi wohne.

Die Hälfte von dem, was du mir da erzählt hast, glaube ich dir nicht, antwortet er. Ich sehe ihn mit großen Augen an, dann klappe ich meinen Rechner zu und sage, dass ich nun gehe, weil ich mir nicht von ihm, der offenbar keine Ahnung hat, wie das Leben einer Digital Native aussieht, der Lüge bezichtigen lasse. Es sei ja nicht das erste Mal, dass ich wütend den Raum verlasse, wirft er überheblich ein. Als ich gehen will, legt er mir nahe, ich solle mich nicht immer so viel aufregen, das sei nicht gut für mich, will mich dabei beruhigend berühren und versperrt mir den Weg zur Türe. Fass mich bloß nicht an! rufe ich, und erkläre, dass er froh sein kann, dass ich ihm nicht sage, was ich von ihm halte.

Seit drei Wochen sitze ich neben ihm im Unterricht. Er stinkt immer widerlich nach Zigaretten, oft auch nach Alkohol, ist ungepflegt, hat eine unbeholfene Körperhaltung und von vielen Dingen keinen Ahnung, hört sich aber gerne reden. Er hat einen Doktor in Biologie, den er wie eine verrostete Trophäe vor sich her trägt, weiß aber nicht einmal, was das rer. nat. in seinem Titel bedeutet.

Als wir unten vorm Gebäude stehen, zeigt er mit dem Finger auf mich und sagt mir viele, viele Male, ich solle mich nicht so aufregen. Am Ende lächelt er mich böse an und behauptet, ich werde heute beim Einschlafen noch an ihn denken. Als ich ihm sage, dass dies gewiss nicht der Fall sein wird, weil ich nichts von ihm halte und mir seine Meinung völlig egal ist, fangen seine Augen an zu leuchten, und er wiederholt seine Aussage noch einige Male. Ich würde ihm sehr gerne sagen, was ich über ihn denke, doch ich bringe es nicht fertig, da ich ihn nicht dergestalt verletzten und erniedrigen möchte.

So bleibt es nur dabei, dass ich ihm sage, wie wunderbar es für mich ist, dass ich in Kürze eine tolle neue Stelle anfange und ein schönes Leben vor mir habe, weil die Arbeitslosigkeit unser gemeinsamer Nenner ist, unsere Schwäche. Dann gehe ich, zeige ihm beide Mittelfinger, als er mir irgendwas hinterher ruft, das ich nicht verstehe, drehe mich aber nicht einmal mehr um.

Ich habe mich längst damit abgefunden, dass ich bei uns im Kurs die mit den Aggressionen bin, und es ist mir egal, dass alle denken, dies sei für mich normal. Dabei ist es das überhaupt nicht. Mein Alltag außerhalb der Weiterbildungsmaßnahme ist wunderbar, ich komme mit allen Menschen gut aus, fühle mich inspiriert, bin von Freundlichkeit und Zuneigung umgeben und erwidere diese. Ich kommuniziere auf Augenhöhe und bin sehr glücklich darüber, wie sich alles gerade entwickelt. Diese Weiterbildungsmaßnahme hingegen ist Mordor.

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