09/07/2013
..

“Scheiß Yuppies, scheiß Prenzlberger! Hier wird nicht auf dem Gehweg Fahrrad gefahren! Verdammt noch mal. Macht es wie die Berliner, wir fahren auf der Straße!”.
Ein Vater, der mit Frau und zwei Kindern neben uns im Café sitzt, schreit jene Radlerin an, die eben tatsächlich an uns vorbei fuhr und beinahe mit einem der Kinder kollidiert wäre.
Er kann gar nicht mehr damit aufhören, es liegt sehr viel Hass in seiner Stimme. Als die Frau mit dem Rad endlich nicht mehr da ist, guckt er starr und angespannt vor sich hin, das kleinere seiner Kinder weint mittlerweile lauthals und randaliert auf dem Schoß der Mutter. Wir und die anderen Cafébesucher gucken belustigt und ich schäme mich auch ein wenig für den Mann.

Es sind jene Gehwege, die gepflasterte Straßen säumen. Bergauf sind diese mühsam zu erklimmen, bergab ist man nach dem Befahren ordentlich durchgeschüttelt. Ich radle hier deshalb oft auf dem Gehweg – allerdings steige ich ab, wenn ich Cafés passiere oder auf Fußgänger treffe.

“Nun haben zwei Menschen erst einmal eine halbe Stunde lang einen verhunzten Abend – und das Kind weint.” sage ich. Der Mann sieht so hässlich aus mit diesem harten Blick und er ahnt vermutlich nicht, wie er jenen Spießer verkörpert, der er gewiss niemals sein wollte, so als Prototyp eines Berliners.

  1. 10/07/2013

    In dem Moment, in dem eine Radler Dein eigenes Kind anfährt, auch wenn es nur “beinahe” ist, und sich mit “auf der Straße würde ich zu sehr durchgeschüttelt werden”, zu rechtfertigen sucht, ist der Moment, an dem Du dieses Posting löschen wirst.

    Und wie wenig der Mann ein Spießer ist, der einem bestimmten urbanen Lifestyle nicht entspricht, sondern ein Vater, der eine Scheissangst hat, die zur Scheißwut wird, ob der Ohnmächtigkeit gegenüber der Scheißrücksichtslosigkeit, würde dann auch klar werden.

    »Wir und die anderen Cafébesucher gucken belustigt und ich schäme mich auch ein wenig für den Mann.« Das sagt mehr über diese Menschen als über den Erregten aus.

  2. 10/07/2013
    mek

    ^ Es geht doch mehr um den Inhalt des Wutausbruches, weniger um den Wutausbruch an sich.

  3. 10/07/2013

    “Macht es wie die Berliner” erscheint mir schon an sich als kein guter Rat.

  4. 10/07/2013

    Lieber Hansi, ich wollte damit nicht das Verhalten der Frau entschuldigen (sonst hätte ich nicht extra dazugeschrieben, dass ich zwar auch ab und zu auf dem Gehweg fahre an solchen Stellen, aber absteige), sondern wie mek bereits sagte um den Inhalt des Wutausbruchs und auch die krasse Vehemenz dessen.
    Der Mann – der übrigens rein äußerlich vielmehr einem Prenzlauer-Berg-Klischee entsprach als die Frau auf dem Fahrrad – spielte sich als Berliner auf und beschimpfte die Frau als Zugezogene, die ja keine Ahnung habe, wie man sich in Berlin (und nicht in Schwaben oder sonstwo) verhält. Das finde ich spießig. Worum es mir gewiss nicht ging ist urbaner Lifestyle.
    Ich schäme mich immer für sich sehr laut und schlimm aufregende Menschen, die sich nicht mehr einkriegen. Auch für mich, wenn ich mich so verhalte.

  5. 10/07/2013
    Xaver Unsinn

    Der Vorfall war wahrscheinlich nur ein Ventil für einen gestressten Mitbürger dieser Stadt. Auch ich finde diese Aggression, ja schon manchmal fast Hasstiraden sehr befremdlich. Wir leben in einer Zeit der progressiven Individualisierung, Umsetzung perfekt nach dem Motto eines Baumarktes: “Mach Dein Ding!” Was ist nur los mit der Gesellschaft? Warum reden wir nur übereinander aber nicht mehr miteinander? Und wenn, reden wir meistens aneinander vorbei. Weil jeder nur reden möchte, aber keiner mehr zuhören will oder kann. Quo Vadis Mensch?

  6. 11/07/2013

    Angesichts der ursprünglichen Schilderung und des Kommentar-Tenors gehe ich davon aus, dass das hier herrschende Befremden über den verständlichen Ausbruch eines erschrockenen und besorgten Vater wohl so eine Sache ist, die wir außerhalb der Hauptstadt Lebenden nicht verstehen.

    Genießt eure Exklusivität und sorgt euch nicht, denn keiner wird euch diese je streitig machen.

  7. 11/07/2013

    Doch, ich verstehe besorgte Väter und ich nehme Rücksicht auf Kinder.
    Das ist gar nicht der Punkt, der Punkt ist der Inhalt (Wir hier in Berlin!) und die wirklich gruselige, krasse Art des Aufregens, wie ich sie bei allen Menschen (mir inklusive) schrecklich und überflüssig finde.

    Und nun muss ich ganz exklusiv zur Post und einkaufen gehen.

  8. 11/07/2013
    cassionetta

    Ich kenn sowas auch, ist auch in Brandenburg verbreitet. Die Situation hätte auch ohne Kind und ohne Radfahrerin im Unrecht so ablaufen können; manche Menschen sind einfach krass unfreundlich – und ich empfinde das genauso wie du Maike: von da an ist der Tag erstmal versaut.

    Z.B. gibt es in FfO Fußgängerwege, die an manchen Stellen in Rad- und Fußweg aufgeteilt sind, an anderen nicht, man darf da aber mit Rad fahren. Trotzdem wird man doch ab und an richtig unfreundlich angeschrien, man habe auf der Straße zu fahren, würde die Straßenverkehrsordnung nicht kennen oder habe sowieso kein Recht hier zu fahren, weil Studentin und damit gewiss nicht aus Frankfurt! Sowas lesen die einem alles von der Nasenspitze ab…

    Man kann solche Situationen auch anders regeln.

  9. 11/07/2013
    Xaver Unsinn

    Berlin, Frankfurt/O. oder sonstwo in diesem Land. Es ist irrelevant, die Gesellschaft ist schwer erkrankt. Das Miteinander, Rücksichtnahme, Umsicht und so weiter, alles Tugenden aus vergangener Zeit. Weil fast Jeder nur seine Sicht der Dinge als die absolute Wahrheit erkennen will. Noch einen schönen Tag ;-)

  10. 17/07/2013

    Ich muss ja gestehen, dass mich Choleriker im öffentlichen Raum meistens zum Lachen reizen,, selbst dann, wenn ich den Anlass ihrer Aufregung sogar noch halbwegs nachvollziehen kann.

  11. 20/08/2013

    Die einzige Entschuldigung für Erwachsene, die auf Gehsteigen radfahren sind gepflasterte Straßen. Das sehe ich ein. Aber die Flanier-Fahrer scheinen mitunter einfach zu blöd zu sein, auf einer asphaltierten Straße zu fahren. Ich bekomme da immer einen kräftigen Schubs-Impuls, Spießerglam, ich.

Kommentieren