05/04/2013
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Ich liege noch im Bett, obwohl es schon nach elf Uhr ist. Unten im Hof beginnt jemand mit Sägearbeiten. Ob sie womöglich den einzigen, aber dafür riesigen Baum in der Mitte des sonst eher hässlichen Areals entfernen? Doch wo sollte dieser überhaupt hinfallen, wenn er tatsächlich einfach so abgesägt würde? Ach soll er doch ins Quergebäude stürzen, ich bleibe liegen.
Erst als es in meinem Zimmer trotz der geschlossenen Fenster bereits nach dem Benzin der Motorsäge stinkt, stehe ich auf und blicke hinab in den Hof. Ich komme mir vor wie meine Mutter seinerzeit, so gut versteckt hinter den hellen Vorhängen.
Ich sehe den Mieter aus der Wohnung unter mir. Er gibt einem Mann gestikulierend Anweisungen, während dieser von einem Stück Baumstamm von etwa eineinhalb Meter Durchmesser eine Scheibe abschneidet. Beide tragen Kopfhörer, um sich vor dem Lärm zu schützen. Der ganze Hof ist voller Sägespäne, die in den noch verbliebenen Schnee geweht wurden. Wozu wird wohl jene Scheibe gebraucht? Kunst? Bloß nicht! Ich verliere die Lust, weiter darüber nachzudenken und schaue auf die Uhr: Mittag. Aus einem Fenster ruft jemand empört ‘Ruhe!’. Es ist kurz so, als sei ich nie aus der kleinen Stadt in Südwestdeutschland weggezogen. Womöglich hängt unten im Hauseingang demnächst ein Winterplan fürs Schneeschaufeln und einer, der das ganze Jahr über gilt und über dem in Versalien K E H R W O C H E steht.

Dies wird das Jahr mit den höchsten Heizkosten werden. Weil es immer noch so kalt ist und weil ich seit drei Monaten auch tagsüber die meiste Zeit zuhause bin. Alle verlassen ihre Wohnungen, ich bleibe da und passe auf. Vom Bett aus oder wenn ich am Küchentisch sitze und durch die Lücke in der Häuserschlucht bis hinüber auf die andere Seite der Straße gucke. Ich sehe dann, ob der Schnee immer noch auf dem Gehweg liegt, ob Autos über nassen Asphalt rollen und dabei leise Schlürfgeräusche machen, die ich bereits hören kann, wenn ich noch mit geschlossenen Augen im Bett liege. Vielleicht hören der Winter und das Warten nie mehr auf.

  1. 05/04/2013
    islandpingu

    “Vielleicht hören der Winter und das Warten nie mehr auf.”
    nein. neinneinneinneinneinnein… ;_;

  2. 07/04/2013
    ed2murrow

    jetzt heißt es, mutig zu sein. jetzt erst recht!
    ihr e2m

  3. 11/04/2013
    Baumfee

    Wow

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