ruhepuls

11. August 2008

Abschiedstrunken gehe ich vom Hauptbahnhof irgendeinen Weg zur Friedrichstraße, das Haar notgelöst altmodisch mit einem glänzenden Tuch vor dem Nieselregen geschützt, der die Stadt mir angenehm ergrauen lässt. Ich atme die feuchte Luft, spüre noch die vielen letzten Küsse auf den Lippen, will die Nässe umarmen. Und Berlin, das mich auffängt und ablenkt vom vermeintlichen Verlust.

Im Admiralspalast sitzen wir dann auf der Galerie, die Arme nachlässig auf die Brüstung gelegt und gucken hinab. Ich erinnere mich an meinen Stiefvater, der einst im Orchester des Freiburger Theaters spielte und mir vor langer Zeit erzählte, sonntags träten sie meist vorm Grauen Meer auf. Und tatsächlich ist auch hier das Publikum ein sehr gereiftes, obschon es sich längst das Haar färbt. Gerne fragte ich die Pärchen in der Hitler/Honecker-Loge, weshalb sie diese gebucht haben und wieso sie dann nicht wenigstens ab und an huldvoll winkten.

Wenn eine bekannte Geschichte beim Erzählen nicht langweilen möchte, gilt es Aufregendes zu schaffen. Wenn dies nicht gelingt, so verlange ich wenigstens Bühnenpräsenz. Streichen will ich darum Dialogfetzen, möchte den Darstellern innere Größe einhauchen, ihnen die nötige Aura verpassen. Und Eliza Doolittle trägt mindestens Kleidergröße 44 sowie eine unpassende Kurzhaarfrisur, bewegt sich inadäquat und ist so wenig „Fair Lady”, dass man sich das wohlbekannte Ende nicht ausmalen kann und mag – außer man schaut bis zum Schluss nicht mehr hin. Mein Kinn bohrt ein Loch in den Arm auf der Brüstung. Ach, da ist auch noch ein singender Stoffpapagei…
In der Pause fliehen wir in die nächste Bar. Alkohol bitte!