08/11/2016
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Wir fahren im Cabriolet durch die Herbstlandschaft. Die Straße ist gesäumt von Laubbäumen, zu deren Füßen bereits viele braune Blätter liegen. Die Baumkronen sind längst in sich zusammen gefallen, nur noch wenig rotes und gelbes Laub hält die Stellung. Ich blicke auf dunkle Tannen, die in der Ferne auf den Hügeln und Bergkämmen stehen – einige von ihnen sind mit Schnee bedeckt.

Sonst war es immer so gewesen, dass Mama mich bei jedem Wetter hinaus trieb. Wir gingen dann in den Weinbergen spazieren und so anstrengend ich es auch fand – es tat mir gut und ich genoss die Aussicht über den kleinen Ort hinweg, verlor mich im Anblick dieses einen Hauses, das nach wie vor auf halber Höhe inmitten der Reben steht und eine riesige Tanne an seiner Seite hat. Wenn schon, denn schon, dachte ich dann, und träumte mir für ein paar Sekunden ein Leben in jener Abgeschiedenheit herbei.

Dieses Mal ist es anders. Mama hat keine Kraft, um spazieren zu gehen. Wir fahren lediglich von einem praktischen Ort zum anderen: Zur Ärztin, um ein Rezept abzuholen. Zum Supermarkt, um magenfreundlichen Tee zu kaufen. Zur Drogerie, wo es Salbe gibt, die gegen Mamas entzündete Fingerspitzen hilft, und schützende Baumwollhandschuhe. Zur Apotheke, um bereits bestellte Medikamente zu holen. Ich weiß währenddessen nicht, ob Mama durchhält, frage ab und zu nach, ob es noch geht, oder wir sofort nach Hause fahren sollen.

Am Montag unternehmen wir eine Art gemeinsamen Ausflug. Er führt in ein nahegelegenes Schuhgeschäft und endet damit, dass ich von Mama graue Stiefel und silberne Schnürschuhe geschenkt bekomme. Heute haben wir den gleichen Ausflug noch einmal gemacht: Mama und ich könnten nun im Partner-Look draußen spazieren gehen. Im Frühjahr dann.

Wir leben jetzt mit vertauschten Rollen: Ich bin streng und verbiete Mama, bestimmte Dinge zu essen, die ihr nicht gut tun, passe auf, dass sie die Medikamente richtig nimmt, überlege mir Maßnahmen, um Schmerzen zu lindern und stehe auf, um ihr irgendwelche Sachen zu bringen. Ich miste Schubladen aus, sauge Staub und kümmere mich um das Feuer im Kachelofen, hole Sprudel aus dem Keller, bringe den Müll hinaus und nehme sie ab und zu in den Arm. Mama ist klein und dünn geworden, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe.

Japan ist gerade sehr weit weg. Ab und zu sitze ich am Küchentisch und lerne. Ich lese auch laut ein paar Texte vor, bin ganz verwundert, dass sie dann hier im Raum stehen, wo sonst vor allem Badisch gesprochen wird. Auch einst lieb gehabte Freundinnen rücken in noch weitere Ferne, weil mir endgültig klar ist, dass es mich, die noch vor einem halben Jahr verzweifelt an etwas festhielt, das längst kaputt war, nicht mehr gibt.

Auch dieser Mann, der mir immer schreibt, wenn ihm langweilig ist, verblasst wieder. Ich glaube, wir mögen uns nicht einmal mehr wirklich, aber wir mögen offenbar nach wie vor die Vorstellung davon, wie wir miteinander Sex haben. Letzte Woche wäre mir ein Treffen noch so wichtig gewesen, als ich nach einem halben Jahr ohne jegliche Nähe in Berlin gelandet bin.

Ich glaube, das ist es, was mich am meisten verändert hat in Japan: die vollkommene Abwesenheit von Vertrautheit und Nähe. Es ist anders, sehr viel alleine zu sein, wenn man dazwischen immer wieder Begegnungen mit nahestehenden Menschen hat, und ich vermochte mir nicht vorzustellen, wie sich so ein halbes Jahr im Niemandsland anfühlen würde, dazu noch mit dem Schock im Herzen, den Mamas Erkrankung ausgelöst hatte. So erlebte ich nach ein paar Monaten eine radikale Einsamkeit, der ich mich täglich mit sehr viel Kraft entgegen stellte.

An dieser extremen Erfahrung bin ich gereift, stark geworden, und ich habe nun andere Prioritäten. Da ist auf einmal sehr viel Weichheit, Offenheit, Ruhe, Freundlichkeit und Liebe, aber auch eine unnachgiebige Strenge gegenüber jenen, die sich in Schweigen hüllten. Kurz nach meiner Rückkehr hatte ich noch gedacht, es sei zu vieles gleich geblieben, doch mit jeder Handlung, die nun anders ist als vorher, mit jedem seither veränderten Gefühl, erkenne ich mich mehr, und meine Haltung wird noch ein wenig aufrechter als in Japan bereits antrainiert.

Morgen fahren Mama und ich wieder gemeinsam zur Apotheke, und dann kochen wir Gemüse mit Nudeln. Vielleicht bleibt der Schnee auf den Schwarzwaldtannen liegen.




04/10/2015
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2015 ist das Jahr des Wachsens unter Schmerzen. Der Prozess ist noch nicht vorüber.




02/02/2015
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Die Frau, die sich im Supermarkt vor mich drängelt, greift ins Kühlregal nach einer Packung Gorgonzola und pfeffert sie in ihren Wagen zu ein paar leeren PET-Flaschen.
An der Kasse steht sie dann erneut vor mir. Eine Flasche nach der anderen wirft sie aufs Band. Ihre Handbewegung hat jedes Mal etwas zutiefst Verächtliches. Zuletzt ist der Gorgonzola dran. Sie schleudert ihn den Plastikflaschen hinterher und mit einem lauten Geräusch bleibt der Käse auf dem Kassenband liegen.
Menschen sollten nicht so lieblos mit Dingen umgehen.