20/01/2017
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Morgens flockt die Milch im Kaffee. Telefonate, Besuch beim Zahnarzt und den ganzen Tag das Gefühl, nicht richtig wach zu werden. Nach dem Amtsantritt von Donald Trump ist dann ohnehin alles gelaufen. Zeit, dem Hedonismus wieder etwas mehr Raum zu geben.




19/01/2017
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Der erste Tag, an dem mir die Location völlig vertraut ist und ich den ganzen Nachmittag entspannt bin. Ich bekomme einen Cappuccino geschenkt, unterhalte mich über Schallplatten, und später sitzen wir an der grauen Tischplatte in der Mitte das Raumes, schreiben gemeinsam an einem Dokument, in dem die Online-Zukunft des neuen Projekts steht. Diese Aufgabe und diese Verantwortung sind die logische Konsequenz, alles ergibt so krass einen Sinn, dass ich eine Lachkatze bin. Also komm’ mir nicht mit Zufall.

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Zu meinem Sprachaustausch-Treffen erscheint nur eine Handvoll Leute. Am Ende trinken wir zu sechst Tee und unterhalten uns mal auf Deutsch, mal auf Japanisch. Ich bin die Einzige, die nicht fließend Japanisch spricht, und so verstehe ich oft nur Fragmente. Das stört mich nicht, denn es erinnert mich an die Zeit in Tokio. Ich liebe den sonderbaren Rhythmus der Sprache. Wie ein nicht enden wollendes Lieblingslied umgarnt sie mich, so dass ich sie endlich wieder jeden Tag um mich haben will. Wachgeküsst.




18/01/2017
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Die ersten kleinen Falten um die Augen herum bleiben mittlerweile da, wenn ich aufgehört habe zu lachen und mein Gesicht wieder entspannte Züge hat. Ich war ja ohnehin spät dran damit.

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Ich sitze an Nanamis Schreibtisch und blicke hinaus durchs Fenster auf die Trasse der U2. Meine erste Unterrichtsstunde seit ich zurück in Deutschland bin, und es ist mir ein wenig peinlich, wie schlecht mein Japanisch immer noch ist. Ich habe vieles wieder vergessen, so gut wie nicht gelernt in den letzten zweieinhalb Monaten. Es war kein Raum dafür da. Nicht zeitlich, sondern in mir. Alles war okkupiert von Sorgen – um meine Mutter, mein finanzielles Überleben, meine Zukunft. Japan war weit weg, wie ein Erlebnis, das bereits vor sehr, sehr langer Zeit stattgefunden hat. Ich habe mich auch gar nicht getraut, an es heranzutreten, mich vorsätzlich in Erinnerungen zu versenken, vor lauter Angst, ich könnte sie nicht ertragen. Es fällt mir immer schwer, Sehnsucht auszuhalten, doch es ist auch wunderschön, mich nun nach und nach wieder an Details zu erinnern und zu begreifen, dass ich das alles wirklich gemacht habe. Als ich auf dem Nachhauseweg eine Drogerie betrete, sage ich versehentlich Konnichiwa zur Verkäuferin.

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Wenn du magst, komm aufs grüne Sofa und wir erzählen ein bisschen. Hab Tee, Wein, Gras :)​, schreibt er, und als ich ihm vorschlage, dass wir uns an einem anderen Ort treffen, weil ich erste Verabredungen mit Männern niemals zuhause habe, war es das mit ihm und mir. Ich habe manchmal den Eindruck, ich bin die Einzige, die so sorgsam ist, denn schon häufiger wurde mir von weniger vorsichtigen Frauen berichtet, und selbst eine Freundin war neulich genervt, weil ich die Einladung in die Wohnung eines Mannes ausschlug, den ich erst einmal gesehen hatte, aber durchaus anziehend fand. Als könnte ich einen entspannten Abend und Sex haben, wenn ich mich nicht sicher fühle. Stattdessen wird unsere zweite Verabredung im Museum stattfinden, wo wir uns nicht nur an Kunst erfreuen wollen, sondern an dem Gefühl, erstmals mit der Nase den Hals des Gegenübers zu erkunden, wenn gerade niemand schaut.